Dr. Ahmed Toprak, Professor an der FH Dortmund, referierte im Rahmen der Interkulturellen Wochen zu Erziehung und Geschlechterrollen im Kontext der Migration. Die Einladung erfolgte auf Initiative der Diakonie, ermöglicht durch Unterstützung der Stadt Neuwied und des Projektes „Ent-fremdeten eine Heimat geben“, kofinanziert von der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Die große aktuelle Bedeutung des Themas zeigte sich auch in der angeregten Diskussion zu den drei Aspekten Migration, Erziehung und Geschlechterrollen im Anschluss an Prof. Topraks Vortrag. Darin hatte Toprak zunächst verdeutlicht, dass eine auf Integration ausgerichtete Migrationspolitik in der Bundesrepublik zunächst gar keine Rolle gespielt habe. Erst ab den 2000er Jahren seien sehr vereinzelte Schritte getätigt worden, aber gegenüber restriktiven Maßnahmen in den Hintergrund getreten. Die Behauptung, dass eine doppelte Staatsbürgerschaft illoyales Verhalten gegenüber dem Aufnahme-Staat hervorrufe, lehnte er an dieser Stelle entschieden ab.
Im Bereich der Erziehung hob der Pädagoge den Wert eines Demokratischen Erziehungsstils in Abgrenzung von kalter und strafender Autorität hervor, sowie gegenüber einer sehr großen Nachgiebigkeit oder gar Vernachlässigung. Demokratische Erziehung setze klare Regeln, kommuniziere sensibel und offen, und diszipliniere nur in Maßen, aber dafür konsequent. Diesbezüglich stand in der anschließenden Diskussion im Zentrum, dass unter Jugendlichen vermehrt eine neue Offenheit gegenüber autoritären Haltungen zu beobachten sei. Dies wurde von den Anwesenden wiederum in Bezug gesetzt zu den referierten kultur-spezifischen Vorstellungen von Gender. In vielen migrantisch geprägten Familien - speziell aus der Generation der sogenannten Gastarbeiter - herrschten traditionell patriarchalische Geschlechterrollen vor. Junge Männer würden als Beschützer und als Kontrollinstanz erzogen, vom weiblichen Nachwuchs hingegen Nachgiebigkeit erwartet. Häufig stünde dieses Rollenverständnis aber in Konflikt mit den vorherrschenden Standards deutscher Bildungseinrichtungen und der Aufnahme-Gesellschaft im Allgemeinen. Oder, in den Worten einer von Toprak zur Lektüre empfohlenen, kostenfreien Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung zu muslimischen Kindern und Jugendlichen in Deutschland: „In einem Anerkennungsvakuum ist abweichendes Verhalten rational.“
Um die aus Topraks Sicht seit den 50er Jahren vernachlässigte Integration politisch und pädagogisch noch erfolgreicher steuern zu können, setzt der Erziehungswissenschaftler u.a. auf den Ausbau von Ganztagsschulen und ein weniger sozial selektives Bildungssystem – z.B. auch in Form eines längeren gemeinsamen Lernens. Es bedürfe mehr professioneller und interkulturell kompetenter Hilfen von außen. Für kulturelle Integration unverzichtbar seien offene Debatten über Werte und Normen, sowie der Ausbau erfolgreicher Projekte und vorhandener niedrigschwelliger Angebote.
Utz Ebertz